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Archive for April 2012

Heute will ich mich an ein heikles Thema heranwagen: die Politik weist regelmäßig gerne darauf hin, dass es auch private Anbieter von Musikunterricht und private Musikschulen gibt. Warum wird denen denn mit öffentlichen Mitteln Konkurrenz gemacht – wird hier nicht ein vergleichbares Angebot mit effizienteren wirtschaftlichen Strukturen zu ähnlichen Kosten für den Unterricht angeboten?

ich finde diese Frage durchaus berechtigt, und es hat mich auch einige Zeit gekostet, um zu verstehen wie man sich diesem Thema nähern sollte. Ich glaube, dass eine reine Argumentation über Qualität des Unterrichts in eine falsche und auch schwierige Richtung führt. Ich hätte da auch viel zu wenig Einblick, um mir hier ein fundiertes Urteil erlauben zu können. Vielleicht hilft es mehr zu fragen, warum wir uns diese Frage überhaupt stellen müssen? Dafür muss man verstehen, warum es überhaupt öffentliche Musikschulen gibt? Historisch betrachtet war Musikunterricht etwas rein privates. Es war sogar etwas höchst priviligiertes. Die wenigen sehr wohlhabenden ließen sich den Hauslehrer für ihre Kinder quasi als Bediensteten kommen und musizieren war damals in der Regel elitär!

Einen guten Einstieg in die frage warum wir blühende öffentliche Musikschulen benötigen finden sich in dieser wunderbaren Rede: Musikalische Bildung öffnet Grenzen – Musikschulen für Vielfalt, Integration und Qualität Eröffnungsvortrag Musikschulen und die Entwicklung der kommunalen Bildungslandschaft von Professor Dr. Oliver Scheytt, Präsident der Kulturpolitischen Gesellschaft Freitag, den 15. Mai 2009. Dort findet sich z.B.:

Was wir alle bestätigen können, ohne es genau zu sehen ist, dass die Idee der „Musikschule“ über 80 Jahre immer dieselbe geblieben ist: möglichst viele Menschen mit Musik zu erreichen. Dieser Dauerauftrag hatte als identitätsstiftendes Moment in all den Jahrzehnten Musikschulentwicklung jenseits aller gesellschaft- lichen Veränderungen Bestand.

Historisch betrachtet waren Musikschulen also ein Gegenentwurf zum teuren privaten Musikunterricht mit dem Ziel „möglichst viele Menschen mit Musik zu erreichen“. Ist der private Musikunterricht über die Jahre so viel günstiger geworden, dass selbst eine öffentliche Musikschule nicht mehr konkurrieren kann? Oder sind die öffentlichen Musikschulen gar zu träge und unfähig vernünftig zu wirtschaften? Noch ein Zitat aus dem Vortrag:

So wie das einzelne Individuum von der Institution Musikschule profitiert, kann auch die einzelne Institution Musikschule von einem staatlich und kommunal gesicherten Bildungssystem profitieren. Weder die einzelne Institution noch das einzelne Individuum sollten ihrem jeweiligen Schicksal überlassen bleiben.

Öffentliche Musikschulen sind also Teil des Bildungssystems, die mit kommunaler Sicherung nicht ihrem Schicksal überlassen werden sollten. Die kommunale Sicherung sollte gerade dazu dienen, die musikalische Ausbildung einer breiten Masse, aus allen Schichten anbieten zu können.

Jetzt bitte aufpassen, denn jetzt wird es interessant: ich unterstelle mal, dass die Politik gerne auf die privaten Anbieter verweist um damit zu implizieren, dass die öffentlichen Musikschulen zu ineffizient und zu teuer sind. Das sind aber zwei Aspekte, die getrennt zu betrachten sind “ Effizienz“ und „Kosten“. Aber gerade bei den Kosten trägt doch die Politik den wesentlichen Teil der Verantwortung, denn hier bestimmt doch die Höhe der öffentlichen Förderung wie teuer der Unterricht angeboten werden kann. Hohe öffentliche Förderung geringe Beiträge für die Eltern und geringe öffentliche Förderung, teurer Musikunterricht. Je weniger öffentlich gefördert wird, desto mehr gleichen sich die Kosten zu den privaten Anbietern an. Als öffentlich kontrollierte Einrichtung, hat eine öffentliche Musikschule gar nicht viele Möglichkeiten das Geld zu verplempern oder zu verprassen.

Was lernen wir daraus? Musikschulen sollten mit öffentlicher Unterstützung den Musikunterricht einer breiteren Masse anbieten. Der Landkreis Osterholz hat seine öffentliche Unterstützung faktisch über die Jahre reduziert. Die Kreismusikschule musste deswegen ihre Gebühren immer weiter erhöhen. Die Frage, warum wir uns die Frage „privat versus öffentlich“ stellen, gibt es doch doch nur wegen dem Handeln der Politik. Und nun regt die Politik sich auch noch darüber auf: Es ist so simpel, als wenn man sich darüber aufregt, dass es so dunkel ist – aber vorher das Licht selber ausgeschaltet hat.

Und dann hat der Landkreis in den letzen Jahren durchgesetzt, das freiwerdende Stellen in der Kreismusikschule nur noch durch Honorarkräfte besetzt werden können. Dadurch steigt die Fluktuation der Lehrkräfte und wieder hat sich der Landkreis ein tolles Argument geschaffen: die Kontinuität der Lehrer ist auch nicht besser als in der privaten Musikschule.

Das eine Musikschule wirtschaftlich mit den Beiträgen der Eltern umgehen soll, und das ihre Arbeit hohen und definierten Qualitätsansprüchen genügen muss, gilt auch für die Kreismusikschule. Aber das ist ein anderes Thema. Ich bin da aber zuversichtlich, dass die Kreismusikschule sich einer solchen Diskussion gerne stellen würde. Aber immer nur zu behaupten, die privaten Musikschulen bieten die gleiche Leistung sogar ohne öffentliche Förderung ist einfach nur platt!

Ich finde das musste mal gesagt werden 😉 !

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