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Archive for the ‘Einzelunterricht’ Category

Wenn Eltern unbedingt Einzelunterricht für ihre Kinder wollen, dann sollen die das gefällig selber finanzieren. So oder so ähnlich klingen die Stimmen, die man aus dem Kreistag des Landkreises Osterholz vernehmen konnte. Über diesen Aspekt musste ich durchaus länger nachdenken: Warum brauchen wir denn unbedingt diesen teuren Einzelunterricht? Privatunterricht? Privatlehrer? Ja, das klingt schon unheimlich elitär. Vielleicht einer der Gründe, dass die Verantwortlichen des Landkreises nun beschlossen haben, dass die öffentliche Förderung bis 2014 nicht mehr in die Unterstützung des Einzelunterrichts fließen darf! Die Eltern, die sich aktuell den eh schon teuren Einzelunterricht leisten können, werden auch bei einer Preissteigerung von 60% weiter ihre Kinder zu ihrem Privatlehrer der Kreismusikschule schicken. Dann hat der Landkreis noch eine Sozialkomponente in die Finanzierung der KMS eingebaut. Die Mittel, die bei den reichen Eltern über den Einzelunterricht eingespart werden, werden in einem Sozialfonds gesammelt. Mit diesem Fonds können dann Kinder aus sozial schwachen Familien über den Bildungsgutschein nun auch das volle Programm der Musikschule in Anspruch nehmen. Den Reichen nehmen und den armen geben – das hat was von Robin Hood – der hat ein gutes Image – also ist das doch mal eine vernünftige und soziale Lösung für das Finanzproblem der Kreismusikschule, oder?

Ist es jetzt eigentlich politisch unkorrekt und unsozial wenn man diese Lösung in Frage stellt? Man kommt sich ja dann so vor wie der Sheriff vom Sherwood Forest. Bevor ich jetzt anfange zu erklären, warum dieser Vorschlag haarsträubend ist, muss ich anmerken, dass diese Sozialkomponente richtig und wichtig ist! Es muss ja gerade das Ziel einer öffentlichen Musikschule sein Kindern aus allen Schichten der Gesellschaft das volle musikalische Bildungsprogramm zukommen zu lassen. Das umfasst auch Einzelunterricht, Talentförderung, Vorbereitung auf das Musikstudium etc. also alles das, was eine Musikschule bieten kann. Aber, …

Da ich weder Musiker oder Musikpädagoge bin, habe ich mir überlegt, dass ich gar nicht in der Lage bin diese Frage selber zu beantworten. Ich habe einfach nicht das nötige Fachwissen, um selber beurteilen zu können ob Einzelunterricht nun ein elitärer Luxus ist oder nicht. Es gibt Studiengänge zum Thema Musikpädagogik. Zahlreiche Menschen promovieren auf diesem Gebiet. Es gibt Forschungsarbeiten zur Musikdidaktik und es gibt die zahlreichen Praktiker in den Musikschulen, die viele Jahre in der aktiven Vermittlung von musikalischen Fähigkeiten arbeiten. Diese Frage nur mit meinem pragmatischen Halbwissen zu beantworten, würde diese Experten im Prinzip diskreditieren. Also habe ich mich aufgemacht, um mein Wissen auf diesem Gebiet zu fundieren.

Eine wichtige Quelle dabei ist das „Plädoyer für die kommunale Musikschule“ von der ver.di Fachgruppe Musik NRW (http://musik.verdi.de/musikschulen/informationen/positionen_nrw/data/Positionspapier_NRW_0805.pdf). Den Text werde ich in einem späteren Blog noch genauer analysieren, konzentriere mich jetzt aber auf eine Aussage:

„Es gibt sie beide: den Musiker, der mit seinem Instrument allein im „stillen Kämmerchen“ sitzt und beim Spielen die Zeit und alles andere um sich herum vergisst – wie auch den Musiker, der sich auf die nächste Orchesterprobe freut und die Gemeinschaft mit anderen genießt. Es gibt sie beide: den Schüler, der in der allgemeinbildenden Schule unter Gruppen-zwang, Leistungsdruck und Konkurrenzkampf leidet und den Einzelunterricht an der Musikschule als positive Alternative empfindet – wie auch den am heimischen Computer Vereinsamten, für den Gruppenunterricht und Ensemblespiel ein wertvoller Ausgleich sind. Musizieren als individuelles Refugium wie auch als Medium sozialer Integration: Beide Funktionen sind gleichwertig und sollten sich im Angebot der Musikschulen widerspiegeln.“

Es ist spannend das gerade in einem Gewerkschaftsdokument nicht von Elite, elitär, Reich oder Luxus gesprochen wird, sondern das sich Einzel- und Gruppenunterricht gleichwertig im Angebot der Musikschule widerspiegeln sollten.

„Der Einzelunterricht darf kein Privileg der Besserverdienenden und Hochbegabten sein, der Gruppenunterricht kein Unterricht zweiter Klasse; vielmehr sollten beide Unterrichtsformen gleichwertig, frei zugänglich und individuell wählbar sein. Eltern sollten in die Lage versetzt werden, sich nicht aus finanziellen, sondern ausschließlich aus pädagogischen und psychologischen Gründen für die eine oder andere Unterrichtsform zu entscheiden. Dies setzt intensive persönliche Beratungsgespräche voraus, in denen die Lehrkräfte umfassend über Vor- und Nachteile einzelner Unterrichtsformen und die Eltern ihrerseits über Vorkenntnisse, Vorlieben und persönliche Eigenschaften der Kinder informieren. Anfängergruppen sind ausschließlich auf der Basis sorgfältiger Vorauswahl nach pädagogischen und psychologischen Kriterien zusammenzustellen. Die Lehrkräfte müssen ein diesbezügliches Entscheidungsrecht haben. Auch sollte es möglich sein, Anfänger in der ersten Unterrichtsphase zunächst allein zu unterrichten und in einer zweiten Unterrichtsphase Schüler, die man genauer kennt, zu kleinen, homogenen Gruppen zusammenzufassen.“

Als ich das gelesen hatte, wurde das Bild schon viel deutlicher. Die ver.di Fachgruppe Musik bringt genau die Experten zusammen, die sich fundiert zu solchen Fragen äußern können. Also, die Frage nach Einzelunterricht ist nicht die Frage nach Reich oder Arm, sondern basiert rein auf der pädagogischen Entscheidung der Lehrkraft und der Eltern. Zur Untermauerung dieser Erkenntnis habe ich dann noch mit einer Professorin der Universität Bremen aus dem Institut für Musikwissenschaft und Musikpädagogik über dieses Thema gesprochen. Sie fand es auch sehr bedenklich hier die Unterscheidung nach Reich und Arm zu machen, da gerade die Musikpädagogik stark den emotionalen Bereich der Schüler trifft. Der Unterricht erfordert sehr viel Einfühlungsvermögen und die Unterrichtsform sollte sich einzig am Wesen des Schülers orientieren.

Für mich hat sich die Frage damit geklärt: Einzelunterricht ist also kein elitärer Luxus! Und es war gut, dass ich mir zur Erörterung dieser Frage einfach mal Expertenrat hinzugezogen habe. Bleibt die Frage, warum im Landkreis Osterholz die Eltern für etwas, das im Prinzip gleichwertig sein sollte, übermäßig finanziell belastet werden? Anscheinend könnten die Politiker, die das so entscheiden haben, ohne Probleme 60% mehr für ein bereits viel zu teures Angebot bezahlen. Leider sind nicht alle Menschen so gut gestellt! Das gilt auch für den großen Teil der Eltern, die ihre Kinder noch auf der Musikschule haben. Vielleicht sollte man das bei seinen Entscheidungen auch im Hinterkopf haben.Warum ist die Politik bei ihrer Bewertung zu einem anderen Ergebnis gekommen? Ich spare mir die Antwort darauf einfach mal – im Grunde kann man sich die Antwort auch denken, oder 😉 ?.

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